Eine kurze Geschichte der Modefotografie
Was ist Modefotografie? Was ein Modefoto? Ist die Fotografie eines nackten Menschen Fashion – oder Porno? Die Antworten auf diese Fragen haben sich – wie auch die Gesellschaft, der sie sich stellen – stets verändert. Mode ist Veränderung, gleiches gilt daher selbstverständlich auch für die Modefotografie.
Mit der Fotografie ist das so eine Sache, und darüber hinaus hat ein Modefoto wenig bis nichts mit wehenden Kleidern am Strand gemein.
Den modernen Modebegriff – letztlich definiert durch einen mehrfach im Jahr vollzogenen Kollektionswechsel – hat ein Engländer erfunden. Der Brite Charles Frederic Worth entwarf ab 1858 mehrmals im Jahr kleine Kollektionen und bot diese in seinem Modehaus in Paris an. Seine Kundschaft sah sich so motiviert mehrfach im Jahr neue Stücke zu kaufen, um aktuell zu bleiben; andere Modehäuser griffen diese Idee rasch auf und machen das Konzept der Modesaison populär. Vorgestellt wurden die neuen Kollektionen zunächst entweder direkt in Modenschauen oder über den Umweg der Illustration. Und obwohl Nadar (der nun schon wieder, eben noch Fotopionier in den Katakomben von Paris und nun schon am Catwalk) der Modefotografie in seinen Portraits durchaus vorgriff (bspw. Sarah Bernhardt, 1864) fehlte der Fotografie ihr zukünftig stärkster Verbündeter: der Halbton.
Das Problem der einfachen und kostengünstigen Reproduktion von Fotografien wurde im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zufriedenstellend durch die Weiterentwicklung des Druckrasters (bzw. die Erfindung des diagonalen Rasters 1894) gelöst. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Bild auf die zeitaufwendige und teure Gravur oder den Stich angewiesen, ein Hybrid aus Kunst und Handwerk der die Bildinformation in reines schwarz und weiß – den Strich - auflöst. Die Erfindung des diagonalen Druckrasters ist somit gleichzeitig auch die Erfindung der Illustrierten, deren kometenhafter Aufstieg im wilhelminischen Deutschland kurz nach der Jahrhundertwende begann.
1913 nimmt die Vogue – und mit Ihr die Vanity Fair – den Baron Adolph de Meyer (1868 – 1946) unter Vertrag. De Meyer ist nicht der erste Fotograf der Mode abbildet, aber er ist der erste Star der Modefotografie, Flamboyant und über Jahrzehnte erfolgreich, obschon nicht notwendigerweise von sächsischem Adel wie von Ihm stets behauptet aber nie bewiesen. Seine Inszenierungen sind oft von einem ausgeprägtem Hinterlicht gekennzeichnet; einem Bühnenlicht gleich liefert dies sowohl den notwendigen Glamour als auch eine spielerische Transparenz. Diese legt auch die Konturen des bis dahin züchtig verhüllten weiblichen Körpers frei. Und es ist de Meyer der sich schon 1913 von der Katalogdarstellung entfernt, die Inszenierung, der Glamour und das Drama zählen weit mehr als die präzise Dokumentation jeder Knopfleiste und Stofffalte. De Mayer wechselt zu Harpers Bazar („Bazaar“ erst ab 1929) im Jahr 1922 und bleibt einer – wenn nicht der einflussreichste Modefotograf der Zeit. Erst Carmel Snow wird als neue Chefredakteurin seine Karriere 1934 im Wesentlichen beenden.
Ein anderer – diesmal tatsächlicher, aus St. Petersburg stammender – Baron wächst als junger Fotograf ab 1926 in die der Vogue entstandene Lücke. George Hoyningen-Huene (1900 – 1968) bedient zwar, wenn nötig ebenso das piktoriale wie de Mayer, erscheint aber in seiner Inszenierung rasch sehr viel moderner, mit erkennbaren Anleihen bei den in den 20igern dominierenden neuen Stilrichtungen, wie beispielsweise der neuen Sachlichkeit und dem neuen Sehen. Er begann als Illustrator, arbeitete mit Man Ray zusammen, freundete sich mit dem Vogue-Redakteur Main Bocher (später Mainbocher, dem Couturier) an, der ihn als Assistenten und Requisitenmaler in das Pariser Studio des Magazins holte. Als eines Tages ein Fotograf nicht erschien, wurde Huene – seinen Memoiren nach – notgedrungen zum Fotografen.
Seine auch gern mit dem Bauhaus in Verbindung gebrachte visuelle Aufgeräumtheit manifestiert sich am deutlichsten im Juli 1928 für die Vogue, in einer bis heute ebenso stilgebenden wie anbetungswürdigen Strecke. Er inszeniert dort Bademode in einem kühlen, modernistischen Stil, der seine Wurzeln in der europäischen Avantgarde hat, allen voran bei Alexander Rodtschenko und František Drtikol, und hinterließ so einen bis heute unauslöschlichen Eindruck. Die Kulisse ist reduziert – nur die Andeutung von strahlender Sonne und offenem Himmel, mit minimaler Requisite: ein Drachen, eine Stange, ein Paar Turnringe. Baron de Meyer bewegte sich zur gleichen Zeit ebenfalls in diese Richtung, aber sein Ansatz war immer dekorativer, opulenter, piktoraler - mehr Art Déco als Bauhaus.
Zwar macht Huenes souveräner Umgang mit der Abstraktion seine Fotografien so befriedigend, sein Erbe geht aber über die reine Komposition hinaus: Es gibt Menschen im Bild. Models wurden in den ersten Jahrzehnten der Modefotografie selten als Persönlichkeiten gesehen; mit wenigen Ausnahmen waren es blanke, glatte Wäscheständer. Aber vielleicht, weil Huene auch ans Kino dachte (er hatte bereits Kurzfilme produziert), haben die Frauen und Männer auf seinen Fotografien eine Präsenz aus Fleisch und Blut, die unsere Aufmerksamkeit auch heute fesselt.
Im gleichen Jahr als de Mayer sich anschickt für die Vogue die Modefotografie zu erfinden, fotografiert August Sander drei Siegerländer Jungbauern auf dem Weg zum Tanz, auf dem Weg zur Brautschau. Obschon es sich bei dieser Dreiergruppe tatsächlich nicht um Jungbauern, sondern letztlich um Bergleute handelt, beinhaltet diese Fotografie – neben der Metaebene einer ungewissen Kriegszukunft – all das, was auch heute eine hervorragenden Modefotografie ausmacht; eine gewisse inhaltliche Unschärfe verbunden mit einer starken Komposition und Persönlichkeit der portraitierten. De Mayer und Huene haben dies im Wesentlichen in den 20gern des vergangenen Jahrhunderts an den Tisch der Fotografie gebracht, die Fotografie von August Sander jedoch fasst dies einem Spickzettel gleich formvollendet zusammen und beantwortet damit die in der Einleitung gestellten – zugegeben rhetorischen – Fragen.
Neben Mayer und Huene waren es Edward Steichen, Cecil Beaton und der bereits erwähnte Man Ray die prägend für die ersten Jahrzehnte der Modefotografie waren. In Deutschland wurde zur gleichen Zeit in der BIZ (Berliner Illustrirte Zeitung) das Starsystem – bzw. der Starfotograf - erfunden. Viele dieser Starfotografen finden sich schon bald auf der Flucht und werden als Emigranten insbesondere in den USA die Modefotografie maßgeblich beeinflussen. In der nächsten Episode folgen den Baronen einige dieser Emigranten – Blumenfeld, Muncasi und Horst.
Aus meinem Bücherschrank:
August Sander - https://amzn.to/3yvhfQO
Leider heute eine sehr dünne Bücherliste, aber sowohl zu de Mayer als auch zu Huene suche ich selbst noch was passendes.
Wer Amazon oder Partnerlinks nicht mag, empfohlener Fotobuchshop: https://www.artbooksonline.eu/