Über das Blitzlicht

Ich wurde gebeten, mich nicht nur mit lange verstorbenen Fotografen oder von Milchwagen überfahrenen französischen Philosophen zu beschäftigen. Daher heute mal was praktisches, über meinen alten Freund, den Blitz.

Marilla, September 2022.

Mit der Fotografie ist das bekanntlich so eine Sache, wenn selbst ihre Technik schon mit Vorurteilen belastet wird.

Als ich mich neulich durch die virtuelle Kaufhalle eines bekannten Internetkaufhauses klickte, wurde mir gleich eine ganze Reihe kleiner fotografischer Ratgeber vorgeschlagen. Jede Menge gute Tipps für bessere Fotografie, da wird man selbstverständlich neugierig, so etwas kann man gewiss immer gebrauchen, wer kann da schon widerstehen? Doch leider führte mich die Lektüre nicht besonders weit, da schon der erste wohlmeinende Ratgeber die Verwendung eines Blitzgerätes kategorisch ablehnte. Ist unnatürlich. Bah-Bah. Und die Sonne schickt ja auch keine Rechnung.

Ich muss gestehen, dass mir gewisse Plattitüden insbesondere im fotografischen Jargon mitunter besonders unangenehm aufstoßen. Die filmische Reaktion auf so etwas kennen Sie: die Haut verfärbt sich grün, das Hemd platzt auf, die Hemdknöpfe fliegen durch die Gegend und am Ende stehst du nackt im Raum und alle schauen konsterniert, aber höflich zur Seite.

Eines der besonderen Mysterien der Fotografie ist - wenig überraschend - das Licht, es wird mitunter wie eine alles überstrahlende Monstranz der Prozession glaubender Lichtjünger vorangetragen. Und schon allein deshalb folgt nun nicht der wenig originelle Hinweis auf die Genese des Begriffs Fotografie, obschon der Gedanke das sie sich auch als Kalotypie oder Heliographie hätte etablieren können durchaus reizvoll sein kann. Nebenbei: Eine Karriere als Heliograph klingt nach spannenden Experimenten in der Kommune Eins, an der Grenze von Wahrnehmung, Legalität und möglicherweise auch Anstand.

Dabei hat es das Licht auch ohne den Konsum bewusstseinserweiternden Drogen schon schwer genug, zumindest wenn man zahlreichen Tutorials Glauben schenken mag. Etwas das sehr einfach und meist auch sehr sichtbar ist, wird dort genauso problematisiert wie – beispielsweise – die korrekte Belichtung (Sonne lacht, Blende 8 [1]). Gibt es Licht doch offenbar in unterschiedlichen Provenienzen: Hart. Weich. Gerichtet. Ungerichtet. Brillant. Natürlich. Und somit auch – wie eingangs erwähnt - unnatürlich. Besonders letzteres hat, insbesondere wenn als Lichtimpuls dargereicht, einen schweren Stand in der „Community“. Unnatürlich ist in Zeiten von nachhaltiger Chai-Latte einfach nicht zeitgemäß genug, das Blitzlicht als Bösewicht, als die Kernenergie der Fotografie.

Marilla, Heeseberg, September 2022.

Das Blitzlicht ist – insofern tatsächlich der Kernenergie nicht unähnlich – schon historisch von durchaus explosiver Kraft. Sprichwörtlich. Nach den ersten Versuchen mit noch elektrischem Kunstlicht in der Kanalisation von Paris (Nadar, wer sonst, der alte Ballonflieger, auch olfaktorisch unangreifbar), folgte die Magnesiumentzündung als zwar durchaus portable aber mitunter auch heikle Form der Ausleuchtung. Dieser bedrohliche Aspekt überträgt sich offenbar bis heute, das geblitzte Licht mit seiner trefflich hohen Energiedichte hat es schwer im Vergleich zum „natürlichem“ Licht, auch wenn letzteres zwar ökologisch einwandfrei, aber dafür nicht immer in ausreichender Dichte und Form verfügbar ist.

Und anders als jede Form des vorhandenen Dauerlichts erlaubt der nur kurz aufleuchtende Blitz seine technische Trennung von der Umgebung [2], nur das Blitzlichts ermöglicht die unmittelbare Steuerung beispielsweise des Bildkontrasts allein mit dem Daumen (will sagen: mit der Verschlusszeit). Blitzlicht die Fotografie mitunter dunkler, nicht heller, es macht den Tag auf Wunsch zur Nacht, oder die Nacht zum Tage. Es ist immer verfügbar, sofern man es denn den Auslöser eingepackt hat. Try this, Available!

Dass der Blitz ungeachtet dieser hervorragenden Fähigkeiten einen derartig schlechten Ruf hat, lässt sich neben der Kameraentwicklung wohl auch über einer zu Übertreibung neigenden Werbung, und einer notwendigerweise damit einhergehenden, unverhältnismäßig hohen Erwartungshaltung erklären. Eine Softbox verspricht flauschiges Weichlicht aus der Kiste, ein Beauty-Dish aufwandslose Schönheit. Und die meisten Beispielfotos haben weniger mit der Modulation des Lichtes zu tun als mit exzessiver Nutzung von Adobe Photoshop. Und da sich diese Versprechungen dann ganz notwendigerweise im fotografischen Alltag nicht immer haben halten lassen, haben sich Fotografen desillusioniert vom Blitz abgewandt und zu „Spezialisten des Fenster-Lichts“ (Originalzitat, Eigenwerbung) entwickelt.

Dabei ist selbst das – mit Recht! – gepriesene Fensterlicht eines Vermeers auch nur eine im Verhältnis recht kleine Softbox – wenngleich in Form eines einfachen Nordfensters, in einer Größe wie sie im goldenen Zeitalter der holländischen Malerei an einem Bürgerhaus typisch war. Es ist ein hartnäckiges Missverständnis, dass Blitzlicht sich immer als solches zu erkennen geben muss, es sich immer als solches zu erkennen geben wird. Selbstverständlich ist dies – wenn gewünscht oder notwendig - oft der Fall. Die amerikanische Presseikone Weegee mit seiner Speed Master oder auch die unglaublich direkten, ja schon aufdringlichen Fotografien eines Bruce Gilden sind typische und gleichwohl bemerkenswerte Beispiele hierfür. Oder die geblitzten Zufallsporträts von Lorca diCorcia, die ein ebenso bemerkenswertes Mischwesen aus Presse, Mode und Straßenfotografie haben entstehen lassen.

Don Ron, Bochum, August 2022

Auf der anderen Seite finden sich Beispiele für weniger aufdringliches, im Zweifel „unsichtbares“ Blitzlicht in vielen kommerziellen Motiven von Annie Leibovitz, wenngleich häufig durch die besonderen Notwendigkeiten der Auftragsfotografie stark in der Post poliert. Oder Portraits von Nadav Kander, dem es schon beinahe spielerisch gelingt einem simplen Kopfportrait auch dank der eingesetzten ungewöhnlichen Ausleuchtung noch etwas ganz Besonderes, etwas Zusätzliches abzugewinnen.

Der unsichtbare Blitz ist, insbesondere dann, wenn er nicht nur Aufheller oder Effekt ist, üblicherweise das Ergebnis mehrerer Lichtquellen. Ein Kopfportrait lässt sich zweifellos nur mit einer Lichtquelle erstellen, und dies unabhängig davon, ob der gewünschte Look offen oder dramatisch sein soll. Das Blitzlicht wird aber als reichhaltiger und somit auch ein Stück weit natürlicher wahrgenommen, wenn mehrere Quellen im Spiel sind. Eine perfekt gerechnete Softbox im Kohlebunker der Titanic wird immer wenigstens als gerichtet, wenn nicht als hartes Licht wahrgenommen werden müssen. Die gleiche Box in Vermeers Arbeitszimmer, bei entweder angepasster Belichtungszeit oder in Ergänzung mit entsprechendem Aufhell- und Akzentlicht, wird mit Sicherheit als weich und schmeichelnd wahrgenommen.

Das Problem des Blitzlichts ist offenbar, dass es in einem Raum gestellt wird, und es nun etwas Phantastisches leisten soll, ein Wunderlicht auf Knopfdruck.  Dem ist nicht so, es ist nur Licht, es unterscheidet sich mit Ausnahme der kurzen Abbrennzeit in nichts von anderen Lichtquellen. Es ist nur Licht.

Und manchmal ist die Lösung für natürliches Licht einfach mehr Blitzlicht.

 

Anmerkung: Die Portraits von Marilla und Don Ron sind in einem grundsätzlich gleichen Setup entstanden. Die unterschiedliche Bildwirkung ergibt sich ausschließlich über eine andere Leistungsverteilung der Blitze untereinander. Die Fotografien sind nicht geshoppt, stattdessen gegelt. Wer mag, kann die Anzahl der Blitze raten; ich freue mich ja immer über Mails. Nicht raten dürfen die Teilnehmer des MDFZS [3] sowie der Fotokommune Eins, die sollten das ja nun wissen 😉. 

 

[1] Diese Regel wird oft als zu einfach angesehen. Daraus lässt sich aber – falls künstlerisch gewünscht oder technisch angezeigt - ebenso f 2.8 bei 1/1000 Sek. ableiten, oder f 16 bei 1/30 Sek.

[2] Dies gilt selbstverständlich nicht wenn jenseits der standardmäßigen Blitzsynchronzeit gearbeitet wird.

[3] MDFZS - Mitteldeutsches Fotografisches Zentralseminar (und natürlich auch seinem technischem Ableger im Westen, dem WDFTS).


Aus meinem Bücherschrank:

Weegee - https://amzn.to/3dZkGIF
Bruce Gilden - https://amzn.to/3EaJuIh
Philip-Lorca diCorcia - https://amzn.to/3SY8837

Annie Leibovitz - https://amzn.to/3rqUuJV
Nadav Kander - https://amzn.to/3e1qdyc


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