Brassai und Muncàksi - Eine kurze Geschichte der Modefotografie – 2. Teil.
Mode ist Veränderung, und das gilt auch für die Modefotografen. In dieser Ausgabe tritt ein Baron ab, um einer neuen Bewegung Platz zu machen – und das ist diesmal ganz wörtlich gemeint.
Mit der Fotografie ist das so eine Sache – Revolutionen werden mitunter durch Sprachbarrieren ausgelöst.
Carmel Snow beginnt ihre Karriere bei Harpers Basar 1932 als Moderedakteur. Weniger als ein Jahr später ist der Baron de Meyer - einer der bis dahin dominierende Modefotografen – Geschichte. Kurz darauf verzweifelt sie an einem kalten, windigen Novembertag an zwei merkwürdigen Ungarn am Strand von Long Island und lässt dennoch Fotogeschichte schreiben.
21 Jahre zuvor – 1913, das Jahr in dem eben jener de Meyer zwar nicht die Modefotografie, dafür aber den Modefotografen erfand - kostete ein einfacher Herrenanzug 13 Mark, ein Zehntel des durchschnittlichen Monatseinkommens. Der Kunstkritiker John Berger wird sich später über den schlechtsitzenden Konfektionsanzug als Erkennungsmarke der Unterschicht mokieren, vergisst dabei aber wie sehr gerade die Konfektion für Freiheit und letztlich auch Gleichheit steht.
Denn Mode ist nicht nur „Stil mit einem Schuss Wagemut“ (Snow), sondern dient selbstverständlich ebenso der Abgrenzung, der Unterscheidung wie der Ordnung. Vor der industriell ermöglichten Konfektionsware war es die Tracht, und noch davor setzte die spätestens seit dem Hochmittelalter übliche Kleiderordnung zwingend einzuhaltende Bekleidungsvorschriften. Die Französische Revolution von 1789 setzte diesen Regeln ein auch blutiges Ende, die auf regionalem Handwerk beruhende klassische Tracht wurde etwa 100 Jahre später ein Opfer industriell gefertigter Stangenware.
Konfektion und damit der Luxus preiswerter Verfügbarkeit war modern, ebenso wie Baron de Meyer mit dem Auftritt einer neuen Künstlergeneration unmodern geworden war.
Einem brummenden Industriemagneten gleich zog das Berlin der Weimarer Republik eben diese neuen Künstler an. Zwei von Ihnen sind Marton Murmelstein und Gyula Halász, beide geboren vor der letzten Jahrhundertwende in den östlichsten Regionen der Habsburger Doppelmonarchie. Murmelstein beginnt ohne formale Ausbildung als Sportfotograf in Budapest, erlangt dort einige Bekanntheit und erreicht 1928 Berlin, um nun als Martin Muncàksi für die Berliner Illustrirte Zeitung und „Die Dame“ zu arbeiten, letzteres die führende Modezeitschrift im Weimarer Deutschland. Gyula Halász studiert zunächst an der Hochschule für bildende Künste in Berlin, und reist von dort nunmehr als Brassai in die ungarischen Künstlerkreise nach Paris.
Beide Fotografen verweisen übrigens mit diesem bemerkenswerten Gleichklang auf Ihren jeweiligen Geburtsort im damaligem Königreich Ungarn - Muncàksi auf Muncacs (Mukatschewo, heute Ukraine), Brassai auf Brasov, heute Rumänien.
In Frankreich konzentriert sich Brassai auf die Fotografie am Rande des Lichts, 1933 erscheint mit „Paris bei Nacht“ sein künstlerischer Durchbruch. Im gleichen Jahr gelingt Muncàksi eine sowohl beeindruckende als auch bedrückende Aufnahme marschierender Reichswehrsoldaten am Tag von Potsdam. Berlin verliert seine frühere Anziehungskraft, während einer Reise nach Nordamerika ruft ihn Carmel Snow als Modefotograf zu Harpers Basar in die rettenden Vereinigten Staaten.
Und so stehen an einem ausgesprochen stürmischen Novembertag Carmel Snow, Martin Muncàksi nebst Übersetzer und Lucile Brokaw als Model am Strand von Piping Rock auf Long Island, um eine Bademodenstrecke zu fotografieren. „Der Tag war kalt und ungemütlich“, erinnerte sich Snow in ihren Memoiren, „Ich zitterte vor Mitgefühl mit der armen Lucile“.
Als Lucile in einem hauchdünnen Umhang und Anzug zitternd im Novemberwind stand, begann Snow zu verzweifeln: „Der Fotograf sprach kein Wort Englisch; sein Freund schien ewig zu brauchen, um zu dolmetschen.“
Muncàksi wird zu diesem Zeitpunkt mindestens genauso verzweifelt gewesen sein; die ungünstigen äußeren Umstände wie auch die nicht mögliche unmittelbare Kommunikation mit dem Fotomodell gefährdeten sowohl seinen ersten Auftrag als auch eine mögliche Karriere in den USA. Und ob Geniestreich, Zufall oder ein Akt purer Verzweiflung – Martin Muncàksi griff zur einfachsten Form der Kommunikation, wedelt wild mit den Armen, Lucile Brokaw versteht und beginnt zu laufen.
In diesem Moment macht Martin Muncàksi das Bild, das sowohl seine Karriere retten als auch Fotogeschichte schreiben sollte. Eine Fotografie, die aufgrund ihrer Signifikanz sich dem flüchtigen Betrachter heute kaum mehr erschließt, zu gewöhnlich der Inhalt, zu naheliegend das Sujet. Und doch, wenn man als Fotograf mit nur ein wenig Fantasie sich in jenes Set auf Long Island zurückversetzt, mag man ihm atemlosen Lächeln von Brokaw auch so etwas wie den freundlichen Zweifel sehen, die Skepsis ob jener wild gestikulierende Ungar denn überhaupt wusste was er tat – schließlich arbeiteten die Fotografen der Zeit sorgfältig inszenierte Posen ab, mit Bewegung hatte insbesondere die vom Studio dominierte Modefotografie der Zeit nichts gemein.
Und doch destillierte Muncàksi an diesem Tag sowohl die Essenz einer neuen Art von sportlichen, aufgeschlossenen jungen Frauen als auch eine neue, eine lebendige Form der Modefotografie die Impulsivität und Ungezwungenheit vermittelt, und zuversichtlich in eine neue Zeit zeigte.
Nur wenige Jahre später wird nicht nur im Paris von Brassai das Licht ausgehen. In Berlin träumt in dieser dunklen Zeit der „abgefeimt Lügner“ (Kästner) Dr. Josef Göbbels vom Farbfilm und davon der „… Pariser Mode das Wasser abzugraben.“ Die französische Vogue muss während der Besetzung ihr erscheinen einstellen, Agfa produziert kurz darauf einen brauchbaren Farbfilm und New York - nicht das Berlin der Nationalsozialisten – gewinnt als neues Modezentrum in Absenz von Paris an Einfluss.
In Deutschland werden in dieser Zeit sowohl die Uniformen als auch die Röcke kürzer; nicht der gute Geschmack, sondern der Mangel diktiert die Mode in den späten Jahren des Nationalsozialismus. Am Ende geht nicht nur der Stoff, sondern auch das Land aus, und die Amerikaner tanzen kurz darauf mit Rotarmisten an der Elbe Polka.
Kurz nach dem Krieg wird Harpers Basar eine besondere Ausgabe produzieren, eine Ausgabe für „gut angezogene Frauen mit gut angezogenem Bewusstsein“. Diese steht stellvertretend für eine Zeit in der Modemagazine weit mehr als Bekleidungsideen lieferten. Im Februar 1946 findet sich ein wunderbares fotografisches Kaleidoskop des Nachkriegseuropas, mit Fotografien von Bill Brandt, Henri Cartier-Bresson (mit seinem Flüchtlingsjungen in übergroßem Mantel), Lisette Model und eben auch Brassai mit einer Bildreportage über Pablo Picasso.
Der eine ungarische Emigrant – Brassai - hatte mit seiner sorgfältigen Inszenierung der Fotografie die Liebe zur Nacht gebracht, den Surrealismus ebenso wie den Kubismus („Der Kuss“). Selbst nie Modefotograf, immer mehr ein Künstler im klassischen Sinne beeinflusst er doch bis heute Fotografen jedweder Spezialisierung. Der andere – Muncàksi – war in seiner Fotografie häufig sehr viel spontaner, und hat ganz unmittelbar Fotografen wie Avedon und Cartier-Bresson beeinflusst, seine fotografische Revolution ist bis heute zeitlosen Standard.
Muncàksi hat der Fotografie, hat uns die Lebendigkeit im Bild gebracht, an die wir uns so sehr gewöhnt haben, dass es uns heute schwer fällt das Besondere in diesen Fotografien zu sehen. Es sei denn man schaut etwas genauer hin.
Ich freue mich sie hier – am Ende des Textes – Begrüßen zu können und möchte mich daher für Ihre Aufmerksamkeit bedanken. Schreiben Sie mir ein Email, wenn es Fragen gibt, oder Sie Fehler gefunden haben.
Zwei Barone, zwei Ungarn – in der nächsten Ausgabe geht es nur um einen Fotografen, der allerdings seinen Namen gleich doppelt schreibt.
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