Das Ende ist nah

 

Mit der Fotografie ist das so eine Sache: Sie ist am Ende. Tot. Mausetot.

War sie schon immer, diese welsche Erfindung. Gotteslästernd, jedem ein Abbild erlaubend (“Leipziger Stadtanzeiger”, Dauthendey, [1]).  Unbestreitbar pornografisch, spätestens ab dem zweiten Fensterpanorama dürfte sich das Objektiv in Richtung Bettgestell gedreht haben. Sie starb an der Flut der Fotografen in der zweiten Hälfte des vor-vorherigen Jahrhunderts, als jeder Portraitmaler zum Fotografen, jeder Flaneur zum Produzenten fotografischer Ansichten avancierte. Zugrunde ging sie an der Vereinnahmung durch den bösem Kapitalismus - "You press the button, we do the rest“ (Kodak, 1889), der nebenbei auch das fragile Ökosystem des gerade entstandenen fotografischen Gewerbes zerstörte und eine Vielzahl der frühen Fotopioniere nach der letzten Jahrhundertwende mittellos zugrunde gehen ließ.

Später wurde sie ein Opfer von Miniaturisierung und neuer Schnelligkeit: Während Eugene Atget noch mit schon damals altmodischem Gerät Paris vermass, fotografierte Salomon mit seiner Ermanox bereits nächtliche Konferenzen aus der Hand. Nur wenig später findet Barnack‘s Geistesblitz seinen Weg in den Markt und Weegee mit seiner mitleidlosen Speedmaster befördert die Fotografie in den Abyss gewöhnlichen Schundes, so jedenfalls das Lamento der philosophischen Eliten in der Zwischen- und unmittelbaren Nachkriegszeit.

Die demokratische Fotografie des Wirtschaftswunders (Porst, Pocket, Polaroid) war dann ebenso ihr Ende wie das fotografische Aufbegehren jener „schrecklichen drei“ (Parkinson) englischen Fotografen Bailey, Donovan und Duffy. Ermordet hat sie der ästhetisierte Porno-Chic eines Bourdin oder Newtons. Später stranguliert vom Hardcore-Zeitgeist Richardsons. Eingegangen ist sie am Digitalen, jener von chemischen Reaktionen unabhängige, antiseptische Schöpfungsakt, der in anderthalb Jahrhunderten entstandenes Wissen über Nacht entwertete.

Und doch ist sie noch da. Die Fotografie ist tot, es lebe die Fotografie. Sie hat die müßige Kunstdiskussion ebenso überlebt wie den Totalitarismus zumindest des vergangenen Jahrhunderts. Und wird mit Sicherheit auch die allgegenwertige und vernetzte Nutzung des Smartphones nicht nur überleben, sondern unbedingt ihren Nektar daraus saugen. Beispielsweise in den sich verändernden Sehgewohnheiten; die klassische Portraitbrennweite wird durch eine dem Selfie entlehnte, weitwinklige Ästhetik ergänzt. Die Wahrnehmung der Umgebung verändert sich, real ist was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Sonnenuntergänge werden fotografiert, ihre Schönheit am errechneten Abbild ermessen und auf Telefonrückseiten miteinander, nicht aber mit dem Naturereignis selbst verglichen. Fotografie, jetzt larger than life, unterstützt durch eine immer aktive, selbst lernende Maschinerie im Hintergrund.

Ebenso verändert sich die Perzeption von Gesichtern, des menschlichen Körpers. Die automatische Retusche moderner Smartphones mäandert zwischen wunderbar schmeichelnd und ausnehmend grotesk, letzteres entspricht vermehrt dem Selbstbild und wird zu einer neuen, gemeinhin akzeptierten Norm. Vielleicht erleben wir zukünftig eine neue Generation moderner Marlene Dietrichs, gefangen im Dunkel eines selbstgewählten Exils, zerbrochen an der Kluft zwischen medialem Abbild und dem der Wirklichkeit.

Wie furchtbar. Wie spannend. Wie furchtbar spannend.

Keiner kann so recht sagen was Fotografie ist, und doch – oder gerade deshalb – fotografieren alle. Und die Fotografie überlebt zuverlässig jeden ihr prognostizierten Untergang. Ob sie aber den nächsten Schritt zur fotografierenden künstlichen Intelligenz überleben zu vermag, kann ich nicht beurteilen. Es steht aber zu vermuten, dass sie es wird; fraglich ist halt nur welche Relevanz dies für uns dann noch hat.

Bis dahin dieses Tagebuch. Sehen wir, wie es nächste Woche Dienstag weitergeht.

Aus meinem Bücherschrank
Im Text erwähnt und über Amazon-Partnerlink aufrufbar:

Fotografen
Eugene Atget - https://amzn.to/3TuOMDM
Erich Salomon - https://amzn.to/3TcE7NM
Dr. Paul Wolff (Oskar Barnack / Leica) - https://amzn.to/3dYUhdF
Weegee - https://amzn.to/3AktVdq

Norman Parkinson - https://amzn.to/3PPsWI7

David Bailey - https://amzn.to/3pGPS1p
Duffy - https://amzn.to/3dPLg6t
Terence Donovan - https://amzn.to/3AixJMp

Guy Bourdin - https://amzn.to/3TimNH2
Helmut Newton - https://amzn.to/3QRNQHC
Terry Richardson - https://amzn.to/3AsYyO6

Weiterführende Literatur
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[1] Leipziger Stadtanzeiger, d.i. Max Dauthendey, „Des Teufels Künste“, mittlerweile mindestens als Nachdichtung widerlegt.

 
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Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne