Clifford Coffin
Einer der “vergessenen” großen Vogue Fotografen, mit einem besonderem Hang zur Selbstzerstörung.
Clifford Coffins Foto in der britischen Vogue, Juni 1947. Aus Issues, mit freundlicher Genehmigung Phaidon Press Limited.
Mit der Fotografie ist das so eine Sache, sie ruft viele und wählt doch nur wenige – um sie dann zu zerstören.
Ein von mir gern zur Hand genommenes Fotobuch ist die von Vince Aletti zusammengestellte Geschichte der Fashion Fotografie. Eine hervorragende Zusammenstellung von mehr als 100 Jahren Modefotografie, stets sachkundig kommentiert und dabei bestmöglich reproduziert (bei gedruckten Aufsichtsvorlagen keine Selbstverständlichkeit).
Unter den zahllosen, hervorragenden Fotografen finden sich neben den üblichen Verdächtigen der Modefotografie auch weniger bekannte Namen, bei manchen kennt man die Bilder aber nicht den Fotografen. Und es gibt Fotografien, über die man einfach stolpert, die einen förmlich aus der Chronologie heraus anspringen. Eine frühe Strecke von Muncàksi beispielsweise, die – wie für Ihn üblich – das Mannequin überwindet und stattdessen ein nicht nur attraktives, sondern auch aktives Model zeigt („The Skeet Shoot“, HB, Oktober 1934).
Oder eben jene ebenso einfache wie bemerkenswerte Strecke, fotografiert von Clifford Coffin 1947 in England für die Juni-Ausgabe der amerikanischen Vogue. Die Strecke lief unter der Überschrift „Renaissance“ und titelt mit Wenda Rogerson in den dachlosen Trümmern eines großen Hauses am Grosvenor Square. Der begleitende Text endet mit einer melancholischen wie auch zuversichtlichen Note, und deutet auf die allmähliche Rückkehr zu einer „… gewissen Gelassenheit des Lebens“. Modell in Ruinen war weder nach dem Krieg noch heute ungewöhnlich, und doch hebt sich Coffin mit dieser Strecke auch von ganz ähnlichen Fotografien von Cecil Beaton kurz zuvor deutlich ab, seine neue Realität ist deutlich optimistischer. Antiquitäten kontrastieren mit der Mode und den Modellen in den zerschossenen Ruinen, gemeinsam trotzen sie den Trümmern und behaupte so Ihren Anspruch auf die Zukunft. Coffins Titel mit Wenda Rogerson – der zukünftigen Ehefrau von Norman Parkinson - am Fuß der Wendeltreppe ist ein Klassiker der Modefotografie der Nachkriegszeit.
Coffin wurde nach dem Krieg zur britischen Vogue geholt. Er hatte sich die Fotografie zunächst autodidaktisch beigebracht und dann bei George Platt Lynes studiert. Seine Arbeit hat einen ähnlich sparsamen, dramatischen Look mit auffälligen Einstellungen und wenigen Requisiten, in einer kurzen, aber sehr produktiven Zeit schafft Coffin eine ganze Reihe weiterer außergewöhnlicher Aufnahmen, an Paolo Roversi erinnernde abstrakt-experimentelle Farbwolken ebenso wie für der für die Zeit neuartige Einsatz des Ringlichts, bzw. später dann des Ringblitzes.
Nach nur wenigen Jahren hatte das offenbar latent selbstzerstörerische Coffin eingeholt. Nie einfach im menschlichen Umgang, hatte sein Drogenkonsum und seine für die Zeit ungewöhnlich offensiv gelebte Sexualität eine sich offenbar stetig verstärkende Paranoia entstehen lassen. Ein Brand in seinem Studio potenzierte dies noch; er befürchtete das entweder er oder die von ihm bei gemeinsamen sexuellen Handlungen portraitierten Männer Opfer von entweder Strafverfolgung oder Erpressung werden könnten.
Coffin zog sich daraufhin aus dem öffentlichen Leben zurück, lebte auf in einem einfachen Zimmer des YMCA ebenso unauffällig wie auch bescheiden.
Er starb 1972 im Alter von 58 Jahren in Pasadena an bewusst unbehandeltem Kehlkopfkrebs, sein erhebliches Vermögen vermachte er zu gleichen Teilen eine Blindenhilfsorganisation, die lokale öffentliche Bibliothek und dem YMCA Pasadena, mit der Auflage unter anderem auch „… eine angemessene Anzahl von Magnavox TV Sets … anzuschaffen“.
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