Das ist nicht gut für Dich
Fotografien zeigen Elend, Gewalt, Lust, Sex und vieles andere mehr. Das Bild will immer gesehen werden, sucht stets die Öffentlichkeit. Das gefällt nicht jedem, und Bilderstürmer waren noch nie die Vorboten einer goldenen Zukunft. Ganz im Gegenteil.
Symbolbild. Männer in Badehosen möchte ich Ihnen hier nicht zumuten.
Mit der Fotografie ist das so eine Sache: manchmal ist sie unbequem, respektlos oder gar gefährlich.
Die freie und vor allem respektlose Presse ist – Überraschung – auch eine deutsche Erfindung. Genauer: eine Berliner Erfindung. Die Berliner Illustrirte Zeitung (BIZ)[1] war das Finstatok (TM) der Zwischenkriegszeit, sie erfand den Bildjournalismus und revolutionierte das Zeitungslayout mit modernen Seitenmontagen. Mit einer verkauften Auflage von regelmäßig über einer Million Exemplaren war die BIZ darüber hinaus das reichweitenstärkste Medium der jungen Weimarer Republik und beeinflusste maßgeblich die Entwicklung gedruckter Bildmedien weltweit.
Der BIZ mangelte es insbesondere an jenem untertänigen Respekt, den das gerade abgedankte Kaiserreich in Wort und Bild so sehr geprägt hatte. Dies zeigte sich schon im August 1919, als mit Reichspräsident Friedrich Ebert und Wehrminister Gustav Noske in den damals noch äußerst gewagten Badehosen getitelt wurde. Nicht als sorgsam kontextualisierte Bildgeschichte, beispielsweise sorgenvoll am Strand einer exotischen Location in perfektem Look sorgfältig inszeniert, sondern stattdessen zwei halbnackte, ältere Herren in der Sommerfrische an der Ostsee. Mit einem Neptun keck zu ihren Füssen. Der maximale Kontrast zum bislang dominierenden Bild der Obrigkeit – man denke nur an die heute mitunter bizarr anmutenden Portraits Wilhelm II - sorgten für einen handfesten politischen Skandal in Deutschland. Politiker nicht unter Pickelhauben, sondern in Unterhosen! Schockschwerenot!
Das neue Selbstbewusstsein der Illustrierten in Deutschland produzierte eine bis dahin nicht gekannte Bilderflut, deren neue Qualität ihr massenhaftes Auftreten war. Der sich rasch entwickelnde Offsetdruck ermöglicht es der BIZ und Ihrer Wettbewerber neben der Bildreportage und den Bildgeschichten auch die Diva und den Medienstar zu erfinden. Babelsberg und die Presse Berlins lebten in perfekter Symbiose, verzehren einander im medialen Glutofen Berlin. Gleichzeitig entsteht als Reaktion auf das entfesselte Film- und Verlagsgeschäft eine zunehmend kulturkritische Medienbetrachtung (Siegfried Kracauer) in Gestalt einer ausgeprägten Bewahrpädagogik, die den Konsumenten als grundsätzlich hilflos und somit als Schutzbefohlen versteht. Es gilt das Individuum von den schädlichen Einflüssen der Massenmedien fernzuhalten, die Medien und insbesondere ihre Bilder einzuhegen. Neben unzweifelhaft vernünftigen Überlegungen, wie eine notwendige Distanz zum Medienkonsum generell (Rudolf Schwarz), mehren sich rasch die Rufe nach einer festen Hand, einer „führenden“ Hand des Staates. Erna Lendvai-Dircksen formuliert 1931 eine reduzierte, „echte Sicht der Dinge“, welche die „Natur des Volkes“ einbeziehen soll, ohne dieses Volk gleichzeitig zu überfordern – die wilden 20er finden ihr Ende in einem neuen, moralischen Kulturkonservatismus, nur wenig später liegt die Welt in Schutt und Asche.
Dieser Kulturkonservatismus überlebt die 12 Jahre des tausendjährigen Reiches und strahlt bis weit in die beiden deutschen Republiken hinein. Im Westen finden die Medien schnell zu neuen Auflagenrekorden, das Wirtschaftswunder präsentiert sich optimistisch mit Bauch und Zigarre, züchtig und ein klein wenig provinziell. Die Medien zelebrieren den Backfisch[2] wie auch die “echte Dame”, die Urlaubsreise und den Kabinenroller. Das ändert sich spätestens ab Mitte der 60er Jahre, ein neuer, moderner medialer Realismus versorgt den Leser mit einem schonungslosem Bildjournalismus. Statt Backfischromantik liefern die Illustrierten nun wöchentlich schockierende Bildgeschichten vom Sterben an der Mauer in Berlin, im Kongo, in Vietnam, in Biafra, im Libanon oder schlicht auf deutschen Autobahnen. Bildjournalisten wie Don McCullin oder Horst Faas werden zu Auge und Gedächtnis einer ganzen Generation, dies unbedingt unter Inkaufnahme eines hohen persönlichen Risikos. Die Fotografen von Magnum waren stets im Zentrum der Kampfhandlungen zu finden (bspw. währen der Tet-Offensive in Huè), die Französin Catherine Leroy nimmt zur gleichen Zeit als erste akkreditierte Journalistin an einem Fallschirmsprung unter Kampfbedingungen teil.
Die Modefotografie nimmt im gleichen Jahrzehnt die sich verändernden Schwingungen der westlichen Gesellschaften auf und emanzipiert sich von der dahin vorherrschenden, mannequinartigen Darstellung. Beispielhaft lässt sich das an den Auftragsarbeiten Richard Avedons für Harpers Bazaar und Vogue ablesen; von in jedem Aspekt züchtiger Modefotografie bis zur selbstbewussten Inszenierung auch unbekleideter Frauen- und Männerkörper innerhalb nur eines Jahrzehnts. In den 70ern besetzen Fotografen wie Oliviero Toscani (L’Uomo Vogue, März 1972), Guy Bourdin (Vogue Januar 1976), Helmut Newton (u.a. Vogue Januar 1980) oder Bruce Weber (Details, 1982) das Thema Sexualität, der kalkulierte Tabubruch wird schnell zur Norm. Terry Richardson – unmittelbar nach der Jahrtausendwende noch als neuer Helmut Newton gefeiert – schließt diese Entwicklung ab mit einem Spagat zwischen pornografischer Provokation und modischer Ästhetik.
Ab Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts beginnt sich eine neue Variante des Kulturkonservatismus zu etablieren. Anstelle einer klassisch jüdisch-christlichen geprägten Moral im liberalen Westen, etabliert sich eine neue politische Bewahrtradition, angetrieben aus reformistischen wie auch kommerziellen Interessen.
So warf beispielsweise Alice Schwarzer schon früh dem „Grossbürgersohn“ [3] Newton sowohl Rassismus als auch Faschismus vor:
„… das Herrenmenschentum nahm er mit, in ihm lebt es weiter. Seine Phantasiewelt ist bevölkert von Tätern in Uniform oder Nadelstreifen und Opfern, deren besondere Anziehung meist darauf basiert, dass sie stark sind und erst noch gebrochen werden müssen: hochgewachsene blonde Gretchen, glänzende schwarze Sklavinnen und lüsterne Herrinnen, die ihren Herrn suchen“. [4]
Die Umdeutung des vor den Nationalsozialisten geflohenen Helmut Newton in einen sowohl rassistisch als auch nationalsozialistisch motivierten Täter ist bemerkenswert populistisch. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, das sich Alice Schwarzer mittlerweile mit den gleichen Vorwürfen aus einem zunehmend radikalen, modernen Jakobinerturm konfrontiert sieht.
Neben den Reformisten.- jener besonderen Mischung konservativer und scheinbar progressiver Elemente - mochten auch die Werbetreibenden nicht mehr neben Hunger- oder Kriegsopfern oder eben jenen „… lüsternen Herrinnen …“ ihre frohe Verkaufsbotschaft verkünden. Harold Evans beschreibt dies in der in jeder Hinsicht bemerkenswerten Dokumentation „McCullin“ und kommentiert das sich rasch verschlechternde Klima in den Redaktionen der Fleet-Street hin zu einem weniger journalistisch ehrgeizigem, dafür aber werblich harmonischem Werbeumfeld. [5]
In „Regarding the Pain of Others“ (2003) analysiert Susan Sontag wie Betrachter auf Fotos und Kunstwerke reagieren, die Leiden zeigen, und ebenso was die bewussten und latenten Beweggründe der Schöpfer solcher Objekte sein könnten. Zu diesem Zeitpunkt war die drastischere Form des Bildjournalismus zwar bereits eingehegt; die ungezügelt inszenierte Sexualität in der Werbung erreichte jedoch einen vorläufig letzten Höhepunkt (Terry Richardson, Sisley Kampagne, 2003). Sontag argumentiert gewohnt scharfsinnig, kommt im Wesentlichen jedoch zum gleichen Schluss wie Rupert Murdock und seine Redakteure der Fleet Street, nämlich das eine drastische, realistische Bildberichterstattung dem Betrachter – wenn überhaupt - nur in kontrollierter Form zugemutet werden sollte.
Gerade jedoch dieser gute Wille, diese besten Absichten eine Gesellschaft vor Bildern schützen zu wollen, trägt immer auch den stets fruchtbaren Samen der Zensur in sich. Einer zunächst rücksichtvollen Zensur, aus Rücksicht auf den Betrachter und seinen – jedenfalls aus Sicht des zensierenden Elements – nur beschränkten Wahrnehmungshorizont, dem keinesfalls zu viel zugemutet werden darf. In den aktuellen Nachrichten sind die Toten des Ukraine-Krieges nur mehr dunkle Flecken in der Totalen, nur ferne Symbole für Krieg und Gewalt. Und stehen somit eher in der Tradition von Fentons Kanonenkugeln von der Krim als beispielsweise McCullin‘s mit seinen ergreifenden Fotografien aus dem zypriotischen Bürgerkrieg (1964). Bilder vom Konflikt in Vietnam werden heute automatisch unterdrückt oder zensiert, Nick Ut’s Napalm Girl (1972) wird den empfindsamen digitalen Nomaden der Neuzeit nicht mehr im gleichen Masse zugemutet, wie dies noch vor wenigen Jahren üblich war.
Es ist verstörend, wenn heute Redakteure das 1919 von Ebert und Noske veröffentlichte Bild wieder kritisch sehen – eben, weil es seinerzeit auch für viel Häme gesorgt hat und damit selbstverständlich auch von den politischen Gegnern Eberts instrumentalisiert, wurden . Eine derartige Denkweise verhindert zuverlässig auch berechtigte grundsätzliche Kritik, sorgt für eine Schere im Kopf deren Vorzensur die Arbeit selbst des fleißigsten Zensors bei weitem übertrifft. [6]
Gleiches gilt für die neue Übermoral in Beauty und Mode, deren Bildwelten statt dem werblichen Versprechen eher moralische Zugehörigkeit demonstrieren. Eine Modefotografie, die im wesentlichen Verzicht und Busse predigt ist zumindest in den liberalen Gesellschaften des Westens ein neues Phänomen.
Es scheint als sei bei all dem technologischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte eines verlorengegangen: der fröhliche Optimismus der Bonner Republik. Einer Republik deren moralischen Ansprüche nicht über den strategischen Einsatz von Handtüchern an exotischen Badeplätzen hinausreichte, deren Anspruch an die Rettung der Welt mit Perry Rhodan endeten.
Anderer Meinung? Fehler gefunden? Schreiben Sie mir einfach.
Nächste Woche Dienstag geht es weiter – mit dem Problem der Fotografie (und seiner Lösung, selbstverständlich!)
Aus meinem Bücherschrank:
Im Text erwähnt und über Amazon-Partnerlink aufrufbar:
Don McCullin - https://amzn.to/3wD3sGU
Susan Sontag https://amzn.to/3ANwMM7
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Guy Bourdin - https://amzn.to/3TimNH2
Helmut Newton - https://amzn.to/3QRNQHC
Bruce Weber - https://amzn.to/3TN3PZu
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Literatur:
Deutsche Fotografie. Macht eines Mediums 1870-1970. - https://amzn.to/3TlCz46
Quellen:
[1] Die traditionelle Schreibweise wurde bis 1941 beibehalten, 1945 stellt die BIZ ihr erscheinen ein. Deutsche Emigranten nehmen das Konzept mit in die USA und beeinflussen damit beispielsweise auch den neuen visuellen Schwerpunkt der Wochenzeitschrift LIFE ab 1936.
[2] Wer weiß heute noch was damit gemeint ist? 😉
[3] Zitat Alice Schwarzer
[4] Alice Schwarzer in Color Foto 1/94.
[5] McCullin, Dokumentarfilm, Jacqui Morris, David Morris, 2012.
[6] SZ, „Als Friedrich Ebert baden ging“, www.sueddeutsche.de, 21. August 2019, abgerufen am 1. September 2022.